Die strategische Grundsatzfrage

Wenn eine Position frei wird, stehen Unternehmen vor einer fundamentalen Entscheidung: Besetzen wir intern – durch Beförderung, Versetzung oder Umschulung – oder stellen wir extern ein? Beide Wege haben Vor- und Nachteile, doch die wirtschaftlichen Unterschiede werden häufig unterschätzt.

Studien zeigen: Interne Besetzungen kosten im Durchschnitt 30 bis 60 Prozent weniger als externe Einstellungen (Branchenschätzung) und liefern dabei oft bessere Ergebnisse. Dennoch besetzen viele Unternehmen den Großteil ihrer Positionen extern – manchmal aus guten Gründen, oft aber aus Gewohnheit oder mangelnder interner Infrastruktur.

Dieser Artikel vergleicht beide Ansätze mit konkreten Zahlen und hilft Ihnen, die wirtschaftlich beste Entscheidung für jede Situation zu treffen.

Die vollständigen Kosten im Vergleich

Direkte Recruiting-Kosten

KostenfaktorInterne BesetzungExterne Einstellung
Stellenanzeigen (Jobbörsen)0 €800 – 3.000 €
Active Sourcing / Personalberatung0 €5.000 – 25.000 €
Screening & Auswahlprozess500 – 1.500 €2.000 – 5.000 €
Interviews (Zeitaufwand)800 – 2.000 €3.000 – 8.000 €
Assessment / Eignungsdiagnostik0 – 1.500 €1.500 – 4.000 €
Vertragsverhandlung & Onboarding-Admin300 – 800 €1.000 – 3.000 €
Summe direkte Kosten1.600 – 5.800 €13.300 – 48.000 €

Indirekte Kosten und Investitionen

KostenfaktorInterne BesetzungExterne Einstellung
Einarbeitungszeit (Produktivitätsverlust)1 – 3 Monate3 – 8 Monate
Onboarding-ProgrammMinimal (kennt Unternehmen)3.000 – 8.000 €
Schulung / Weiterbildung2.000 – 10.000 €1.000 – 3.000 €
Risiko der Fehlbesetzung5 – 15 %15 – 30 %
Nachbesetzung der vorherigen Position3.000 – 15.000 €0 €
Kulturelle IntegrationMinimal2 – 6 Monate Anpassung
Gehaltsanpassung / Prämie8 – 15 % ErhöhungMarktgehalt (oft +10–20 % vs. intern)

Gesamtkostenvergleich: Ein konkretes Beispiel

Position: Teamleiter Marketing, Jahresgehalt 72.000 Euro

KostenkategorieIntern (Beförderung)Extern (Neueinstellung)
Recruiting-Kosten1.200 €18.000 €
Gehaltsanpassung (vs. Vorgänger)+7.200 €/Jahr (+10 %)+14.400 €/Jahr (+20 %)
Einarbeitungs-Produktivitätsverlust6.000 € (2 Mon. × 50 %)24.000 € (6 Mon. × 50 %)
Schulung / Leadership-Training5.000 €1.500 €
Onboarding500 €4.000 €
Nachbesetzung vorherige Position8.000 €0 €
Kosten im ersten Jahr27.900 €61.900 €
Differenz–+34.000 € (+122 %)

Selbst wenn man die Nachbesetzung der frei werdenden Position einrechnet, ist die interne Besetzung in diesem Beispiel um 34.000 Euro günstiger.

Time-to-Productivity: Der versteckte Kostenfaktor

Der größte wirtschaftliche Unterschied liegt in der Time-to-Productivity – der Zeit, bis ein Mitarbeiter volle Leistung erbringt:

ZeitraumInterne Besetzung (Produktivität)Externe Einstellung (Produktivität)
Monat 170 %25 %
Monat 285 %40 %
Monat 395 %55 %
Monat 4100 %65 %
Monat 5100 %75 %
Monat 6100 %85 %
Monat 7–8100 %90 %
Monat 9–12100 %95–100 %

Kumulierter Produktivitätsverlust (bei einem Mitarbeiter mit 6.000 €/Monat Wertschöpfung):

BerechnungInternExtern
Produktivitätsverlust Monat 1–39.000 €33.000 €
Produktivitätsverlust Monat 4–60 €13.500 €
Produktivitätsverlust Monat 7–120 €4.500 €
Gesamter Produktivitätsverlust9.000 €51.000 €

Die Differenz von 42.000 Euro wird in den meisten ROI-Berechnungen komplett ignoriert – dabei ist sie oft der größte Einzelfaktor.

Performance-Vergleich: Wer liefert bessere Ergebnisse?

Studienbasierte Erkenntnisse

Die Forschung zeigt ein differenziertes Bild:

KennzahlInterne BesetzungenExterne Einstellungen
Performance-Rating nach 1 Jahr3,8 / 5,03,3 / 5,0
Performance-Rating nach 2 Jahren3,9 / 5,03,7 / 5,0
Wahrscheinlichkeit einer Beförderung (2 J.)25 %18 %
Freiwillige Kündigung (2 Jahre)12 %22 %
Unfreiwillige Trennung (2 Jahre)4 %10 %
Gehaltskosten (gleiche Rolle)Basis+15 bis +20 %

Zentrale Erkenntnis: Interne Kandidaten zeigen im Durchschnitt bessere Performance bei niedrigeren Kosten und geringerer Fluktuation. Externe Einstellungen holen erst nach 1–2 Jahren auf.

Wann externe Einstellungen besser performen

Es gibt klare Situationen, in denen externe Kandidaten die bessere Wahl sind:

SituationWarum extern besser ist
Neue Kompetenzen aufbauen (z. B. KI, Data Science)Intern nicht vorhanden, Umschulung dauert zu lange [3]
Kulturwandel einleitenFrische Perspektiven und andere Arbeitsweisen nötig
Schnelles Skalieren (> 30 % Wachstum)Interne Pipeline reicht nicht aus
Spezialisierte FührungsrollenTop-externe Manager bringen bewährte Methoden mit
Stagnation im TeamNeue Impulse von außen brechen eingefahrene Muster

Die Retention-Dimension

Was passiert, wenn Sie nicht intern befördern?

Die Kosten der Nicht-Beförderung werden selten berechnet:

SzenarioWahrscheinlichkeitKosten
Übergangener Mitarbeiter bleibt, ist aber demotiviert35 %Produktivitätsverlust: 15–25 % für 6–12 Monate
Übergangener Mitarbeiter kündigt innerhalb von 12 Monaten40 %Ersatzkosten: 15.000 – 30.000 €
Übergangener Mitarbeiter bleibt und akzeptiert25 %Kein direkter Kostenfaktor

Rechenbeispiel: Sie besetzen eine Teamleiter-Position extern statt intern. Der übergangene Senior-Mitarbeiter (Gehalt: 62.000 €) kündigt nach 6 Monaten.

KostenfaktorBetrag
Externe Einstellung Teamleiter18.000 €
Recruiting-Kosten Ersatz Senior-Mitarbeiter12.000 €
Einarbeitung neuer Teamleiter (extern)24.000 €
Einarbeitung Ersatz Senior-Mitarbeiter15.000 €
Produktivitätsverlust (6 Mon. Demotivation + 3 Mon. Vakanz)35.000 €
Wissensverlust20.000 €
Gesamtkosten124.000 €

Hätten Sie intern befördert, wären die Gesamtkosten bei etwa 35.000 Euro gelegen (inklusive Nachbesetzung der Junior-Position).

Der optimale Mix: Interne Mobilität strategisch planen

Benchmark: Ideale Verteilung

Studien erfolgreicher Unternehmen zeigen diesen optimalen Mix (Studie/Erhebung – Wert variiert je nach Quelle):

PositionsebeneEmpfohlener Anteil internEmpfohlener Anteil extern
Einstiegspositionen10 – 20 %80 – 90 %
Fachkräfte / Spezialisten40 – 60 %40 – 60 %
Teamleiter / Abteilungsleiter60 – 75 %25 – 40 %
Bereichsleiter / Direktoren65 – 80 %20 – 35 %
C-Level / Geschäftsführung50 – 70 %30 – 50 %
Gesamtdurchschnitt50 – 65 %35 – 50 %

ROI-Vergleich nach Unternehmensebene

EbeneCPH internCPH externErsparnis pro Stelle
Fachkraft3.500 €8.500 €5.000 €
Teamleiter5.000 €18.000 €13.000 €
Abteilungsleiter8.000 €30.000 €22.000 €
Bereichsleiter12.000 €45.000 €33.000 €
C-Level20.000 €80.000 €60.000 €

Je höher die Position, desto größer der wirtschaftliche Vorteil der internen Besetzung.

Infrastruktur für interne Mobilität aufbauen

Investitionen und ROI

MaßnahmeJährliche KostenErwarteter Effekt
Interner Stellenmarkt (Plattform)5.000 – 15.000 €+20 % interne Bewerbungen
Talentmanagement-Software10.000 – 40.000 €Systematische Nachfolgeplanung
Mentoring-Programm5.000 – 15.000 €+30 % Beförderungsbereitschaft
Weiterbildungsbudget (pro MA)1.500 – 3.000 €/MABreitere Qualifikation
Karrierepfade definieren8.000 – 20.000 € (einmalig)Transparenz, Motivation
Rotations- / Hospitationsprogramm3.000 – 10.000 €Cross-funktionales Wissen

Gesamtrechnung: Lohnt sich der Aufbau?

Beispiel: Unternehmen mit 500 Mitarbeitern und 80 Einstellungen pro Jahr

KennzahlOhne MobilitätsprogrammMit Mobilitätsprogramm
Anteil interne Besetzungen20 % (16 Stellen)45 % (36 Stellen)
Anteil externe Einstellungen80 % (64 Stellen)55 % (44 Stellen)
CPH intern (Ø)4.000 €4.500 € (höhere Qualität)
CPH extern (Ø)12.000 €12.000 €
Recruiting-Kosten intern64.000 €162.000 €
Recruiting-Kosten extern768.000 €528.000 €
Gesamt-Recruiting-Kosten832.000 €690.000 €
Investition Mobilitätsprogramm0 €65.000 €
Eingesparte Produktivitätsverluste–168.000 €
Eingesparte Fluktuation (–5 %)–90.000 €
Rechnerischer Saldo–335.000 €/Jahr
ROI des Mobilitätsprogramms–515 %

Entscheidungsmatrix: Intern oder extern?

Nutzen Sie dieses Scoring-Modell für jede offene Stelle:

KriteriumPunkte für intern (+)Punkte für extern (+)
Interner Kandidat vorhanden (> 70 % Passung)+3–
Position erfordert neue Kompetenzen–+3
Dringlichkeit (< 4 Wochen)+2–1
Kulturfit kritisch+2–
Branche/Markt-Know-how intern vorhanden+2–
Transformationsbedarf im Team–+2
Nachfolge für interne Position leicht+1–
Gehaltsniveau extern > 20 % über intern+2–
Position ist auf C-Level oder neu geschaffen–+1
Mitarbeiter wartet auf Beförderungsmöglichkeit+2–

Bewertung:

  • Intern-Score > Extern-Score: Eine interne Besetzung kann vorrangig geprüft werden
  • Scores gleichauf: Beide Wege parallel prüfen
  • Extern-Score > Intern-Score: Eine externe Besetzung kann naheliegen; die interne Kommunikation sollte dennoch mitgedacht werden

Praxisbeispiel: Langfristiger Vergleich über 3 Jahre

Unternehmen: 300 Mitarbeiter, 60 Einstellungen pro Jahr, 180 Einstellungen in 3 Jahren

Szenario A: 25 % interne Besetzungen (Status quo)

Kennzahl (3 Jahre)BerechnungWert
Interne Besetzungen45 × 4.000 €180.000 €
Externe Einstellungen135 × 12.000 €1.620.000 €
Produktivitätsverluste (extern)135 × 25.000 €3.375.000 €
Produktivitätsverluste (intern)45 × 6.000 €270.000 €
Fluktionsbedingte Nachbesetzungen35 × 12.000 €420.000 €
Gesamtkosten–5.865.000 €

Szenario B: 50 % interne Besetzungen (nach Aufbau Mobilitätsprogramm)

Kennzahl (3 Jahre)BerechnungWert
Interne Besetzungen90 × 4.500 €405.000 €
Externe Einstellungen90 × 12.000 €1.080.000 €
Produktivitätsverluste (extern)90 × 25.000 €2.250.000 €
Produktivitätsverluste (intern)90 × 6.000 €540.000 €
Fluktionsbedingte Nachbesetzungen20 × 12.000 €240.000 €
Investition Mobilitätsprogramm3 × 55.000 €165.000 €
Gesamtkosten–4.680.000 €

Ersparnis über 3 Jahre: 1.185.000 Euro (–20 %)

Das entspricht 395.000 Euro pro Jahr oder 6.583 Euro pro Einstellung im Durchschnitt.

Die häufigsten Fehler bei interner Mobilität

FehlerKonsequenzLösung
Nur Beförderung, keine LateralversetzungEingeschränkte EntwicklungsmöglichkeitenAuch horizontale Wechsel fördern
Führungskräfte blockieren WechselTalente bleiben in Silos gefangen„Talent gehört dem Unternehmen"-Kultur etablieren
Keine transparenten KarrierepfadeMitarbeiter sehen keine PerspektiveKarrierearchitektur dokumentieren und kommunizieren
Interne Kandidaten an gleichen Standards wie externe messenDemotivation, FrustPotenzial stärker gewichten als aktuelle Passung
Nachbesetzung nicht mitdenkenDomino-Effekt, Lücken an anderer StelleNachfolgeplanung für jede Schlüsselposition

Fazit und Einordnung

Der ROI-Vergleich zwischen interner Mobilität und externer Einstellung fällt in vielen Szenarien zugunsten der internen Besetzung aus – aber nicht in allen Fällen. Die Kostenersparnis kann modellhaft bei 30 bis 60 Prozent pro Stelle liegen; zugleich werden in Studien häufig Vorteile bei Performance und Retention berichtet.

Dennoch braucht jedes Unternehmen einen gesunden Mix. Externe Einstellungen bringen neue Perspektiven, fehlende Kompetenzen und Innovation. Entscheidend ist, bewusst und datenbasiert zu prüfen, wann intern und wann extern die wirtschaftlich und organisatorisch passendere Option ist.

Drei mögliche nächste Schritte:

1. Den aktuellen Anteil interner Besetzungen zu messen und mit Benchmarks zu vergleichen, kann eine erste Einordnung liefern.

2. Ein Kostenvergleich der letzten Besetzungen intern versus extern kann die tatsächliche Differenz im eigenen Unternehmen greifbarer machen.

3. Ein Pilot mit wenigen potenziell intern besetzbaren Positionen kann helfen, Kostendifferenzen und organisatorische Nebenwirkungen besser zu verstehen.

So kann eine belastbarere Grundlage fuer die weitere Priorisierung entstehen.


Quellen

  1. Destatis Arbeitskosten (2025-06-01)
  2. Stepstone Gehaltsreport (2025-12-01)
  3. Bundesagentur für Arbeit (Statistik) – Fachkräftebedarf / Engpassanalyse (2025-01-01)

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