Einleitung
Der Traum vom eigenen Unternehmen scheitert für viele potenzielle Käufer an der Finanzierungsfrage. Doch ein Unternehmenskauf ganz ohne eigenes Kapital – ist das realistisch? In bestimmten Konstellationen ja. Seller Financing (Verkäuferfinanzierung), Earn-Out-Modelle und kreative Finanzierungsstrukturen können den Weg ebnen. Allerdings gibt es dabei erhebliche Risiken und Voraussetzungen, die Käufer kennen sollten.
Dieser Artikel beleuchtet die Möglichkeiten und Grenzen einer Unternehmensübernahme ohne oder mit minimalem Eigenkapital im DACH-Raum.
1. Finanzierungsmodelle für den Unternehmenskauf ohne Eigenkapital
Seller Financing (Verkäuferfinanzierung)
Bei der Verkäuferfinanzierung stundet der Verkäufer einen Teil oder den gesamten Kaufpreis. Der Käufer zahlt den Preis über einen definierten Zeitraum aus den Gewinnen des Unternehmens.
Typische Konditionen:
- Anzahlung: 0–30 % des Kaufpreises
- Laufzeit: 3–7 Jahre
- Zinssatz: 4–8 % p.a. [7]
- Sicherheiten: Häufig das Unternehmen selbst oder persönliche Bürgschaft
Earn-Out-Modelle
Ein Teil des Kaufpreises wird an die zukünftige Geschäftsentwicklung gekoppelt:
| Komponente | Typische Gestaltung |
|---|---|
| Fixanteil | 40–70 % des Kaufpreises |
| Variabler Anteil | 30–60 %, abhängig von EBITDA oder Umsatzzielen |
| Earn-Out-Zeitraum | 2–5 Jahre |
| Bemessungsgrundlage | EBITDA, Umsatz oder Gewinn |
Leveraged Buyout (LBO)
Beim LBO wird der Kauf überwiegend durch Fremdkapital finanziert, das durch die Vermögenswerte und Cashflows des Zielunternehmens besichert wird.
Typische Kapitalstruktur eines LBO [6]:
| Finanzierungsquelle | Anteil | Kosten p.a. |
|---|---|---|
| Eigenkapital | 10–30 % | Eigenkapitalrendite-Erwartung |
| Senior Debt (Bankkredit) | 40–60 % | 4–7 % |
| Mezzanine / Nachrangdarlehen | 10–20 % | 8–15 % |
| Seller Note | 10–30 % | 5–8 % |
Die Werte in dieser Tabelle basieren auf Branchenschätzungen, Praxiserfahrungswerten und marktüblichen Angaben.
Management-Buy-In (MBI) mit externer Finanzierung
Ein externer Manager übernimmt ein Unternehmen, wobei Beteiligungsgesellschaften oder Investoren den Großteil des Kapitals stellen.
2. Voraussetzungen für einen Kauf ohne Eigenkapital
Ein Unternehmenskauf ohne Eigenkapital ist nicht für jedes Unternehmen und jeden Käufer passend. In der Praxis sprechen die folgenden Faktoren häufig dafür, dass eine solche Struktur eher tragfähig sein kann:
Anforderungen an das Zielunternehmen
- Stabiler, positiver Cashflow: Das Unternehmen sollte voraussichtlich genug erwirtschaften, um den Schuldendienst tragen zu können
- Substanzwerte als Sicherheit: Immobilien, Maschinen, Warenbestände
- Nachvollziehbare Finanzen: Mehrjährige, belastbare Finanzdaten erleichtern die Einordnung deutlich
- Keine übermäßige Verschuldung: Eine Debt-to-EBITDA-Ratio unter 3x kann als grober Orientierungswert dienen
Anforderungen an den Käufer
- Branchenerfahrung: Relevante Management- oder Branchenerfahrung kann die Finanzierbarkeit verbessern
- Gute Bonität: Auch ohne Eigenkapital wird die persönliche Kreditwürdigkeit geprüft [8]
- Überzeugender Businessplan: Darstellung der Strategie zur Schuldenrückführung
- Bereitschaft zur persönlichen Haftung: Bürgschaften oder Sicherheiten
3. Rechenbeispiel: Unternehmenskauf mit Seller Financing
Szenario (Kalkulationsbeispiel)
Ein IT-Dienstleistungsunternehmen mit folgenden Eckdaten steht zum Verkauf:
- Jahresumsatz: 2.000.000 €
- EBITDA: 400.000 €
- Kaufpreis: 1.200.000 € (3x EBITDA)
- Keine wesentlichen Sachanlagen
Finanzierungsstruktur
| Finanzierungsquelle | Betrag | Anteil | Zinssatz | Laufzeit |
|---|---|---|---|---|
| Bankkredit (KfW-Förderkredit) | 480.000 € | 40 % | 4,5 % | 10 Jahre |
| Seller Note | 480.000 € | 40 % | 6,0 % | 5 Jahre |
| Earn-Out | 240.000 € | 20 % | – | 3 Jahre |
| Eigenkapital | 0 € | 0 % | – | – |
Jährlicher Schuldendienst (Kalkulationsbeispiel)
Bankkredit: 480.000 € / 10 Jahre + Zinsen ≈ 60.000 € p.a.
Seller Note: 480.000 € / 5 Jahre + Zinsen ≈ 110.000 € p.a.
Earn-Out: 240.000 € / 3 Jahre ≈ 80.000 € p.a.
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Gesamt p.a.: ≈ 250.000 €
Tragfähigkeitsanalyse
EBITDA: 400.000 €
- Schuldendienst: -250.000 €
- Einkommensteuer (geschätzt): -50.000 €
- Unternehmergehalt: -80.000 €
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Verbleibendes Polster: 20.000 €
Risikoeinordnung: Der verbleibende Puffer von 20.000 € wirkt knapp. Bereits ein moderater Umsatzrückgang könnte die Tragfähigkeit belasten. Das Beispiel verdeutlicht das zentrale Risiko eines Kaufs ohne Eigenkapital: ein sehr begrenzter finanzieller Spielraum.
4. Fördermöglichkeiten im DACH-Raum
Deutschland
- KfW-ERP-Gründerkredit: Bis zu 125.000 € für Übernahmen, Zinssatz ab 1,0 % (Stand: aktuelle KfW-Konditionen können abweichen) [1]
- KfW-Unternehmerkredit: Für bestehende Unternehmen, bis zu 25 Mio. € [2]
- Bürgschaftsbanken: Übernahme von bis zu 80 % der Ausfallbürgschaft für Bankkredite [3]
- Mikromezzaninfonds: Bis zu 150.000 € nachrangiges Darlehen
Österreich
- aws (Austria Wirtschaftsservice): Garantien bis zu 80 % für Unternehmensübernahmen [4]
- ERP-Kredite: Zinsgünstige Darlehen für Betriebsübernahmen
- Landesförderungen: Je nach Bundesland unterschiedliche Programme
Schweiz
- Bürgschaftsgenossenschaften: Bis zu 500.000 CHF Bürgschaft [5]
- Kantonale Wirtschaftsförderung: Regional unterschiedliche Programme
- Stiftungen: Verschiedene Stiftungen unterstützen Nachfolgeregelungen
5. Risiken und Grenzen
Die häufigsten Fallstricke
1. Überschuldung: Zu hoher Schuldendienst relativ zum Cashflow
2. Kein Puffer für Krisen: Ohne Eigenkapitalpolster fehlt der Spielraum bei Umsatzrückgängen
3. Interessenkonflikte bei Earn-Out: Verkäufer und Käufer haben unterschiedliche Anreize
4. Persönliche Haftung: Bürgschaften können das Privatvermögen gefährden
5. Abhängigkeit vom Verkäufer: Bei Seller Financing bleibt eine Bindung bestehen
Debt Service Coverage Ratio (DSCR)
Die DSCR ist die zentrale Kennzahl zur Beurteilung der Tragfähigkeit:
DSCR = Verfügbarer Cashflow / Jährlicher Schuldendienst
| DSCR | Einordnung |
|---|---|
| > 1,5 | Vergleichsweise robustes Profil mit Puffer |
| 1,2–1,5 | Grundsätzlich tragfähig, aber mit begrenztem Spielraum |
| 1,0–1,2 | Erhöhter Prüfbedarf, da kaum Puffer vorhanden ist |
| < 1,0 | Unter den getroffenen Annahmen kritisch |
Hinweis: Auch die DSCR ist nur ein vereinfachter Orientierungswert. Saisonverläufe, Investitionsbedarf, Unternehmerlohn und Working Capital können die Aussagekraft deutlich verändern.
Praxisbeispiel: Nachfolge eines Handwerksbetriebs
Ausgangssituation:
Maria, 38 Jahre, Meisterin im Elektrohandwerk, möchte den Betrieb ihres Chefs übernehmen. Der Betrieb hat 8 Mitarbeiter, einen Jahresumsatz von 1.200.000 € und ein EBITDA von 180.000 €. Der Kaufpreis liegt bei 360.000 € (2x EBITDA).
Maria hat kein nennenswertes Eigenkapital, aber 15 Jahre Branchenerfahrung.
Finanzierungslösung (Kalkulationsbeispiel):
| Baustein | Betrag | Konditionen |
|---|---|---|
| KfW-ERP-Gründerkredit [1] | 125.000 € | 2,5 %, 10 Jahre, 2 Jahre tilgungsfrei |
| Bürgschaftsbank (80 % Bürgschaft für Hausbank) [3] | 135.000 € Kredit (108.000 € verbürgt) | 5,0 %, 7 Jahre |
| Seller Note | 100.000 € | 4,0 %, 5 Jahre |
| Eigenkapital | 0 € | – |
Jährlicher Schuldendienst nach tilgungsfreien Jahren: ca. 55.000 € (Kalkulationsbeispiel)
DSCR: 180.000 € / 55.000 € = 3,3 - unter den genannten Annahmen mit solidem Puffer.
Dieses Beispiel zeigt: Bei einem angemessenen Verhältnis von Kaufpreis zu Cashflow und mit Fördermitteln kann ein Kauf ohne Eigenkapital grundsätzlich darstellbar sein.
Zusammenfassung und Einordnung
1. Ein Unternehmenskauf ohne Eigenkapital kann in bestimmten Konstellationen möglich sein, ist aber regelmäßig anspruchsvoll. Besonders relevant sind belastbarer Cashflow, nachvollziehbare Finanzdaten und eine tragfähige Finanzierungsstruktur.
2. Seller Financing ist in vielen Fällen ein zentraler Baustein. Aussagen wie 60–80 % im KMU-Bereich sind jedoch nur als Branchenschätzung und nicht als gesicherter Marktstandard zu verstehen.
3. Fördermittel können die Struktur sinnvoll ergänzen. Ob KfW-, aws- oder kantonale Programme tatsächlich greifen, sollte jeweils anhand der konkreten Fördervoraussetzungen geprüft werden.
4. Kennzahlen wie die DSCR eignen sich als erste Orientierung. Schwellenwerte wie 1,3 oder 1,5 sollten nicht isoliert verwendet, sondern zusammen mit Working Capital, Investitionsbedarf und Risikopuffer betrachtet werden.
5. Fachliche Unterstützung kann je nach Deal-Struktur sinnvoll sein. Das gilt insbesondere bei steuerlichen, rechtlichen oder finanzierungsseitig komplexen Konstellationen.
6. Die Risikoeinordnung sollte bewusst konservativ erfolgen. Ein begrenzter Puffer kann Anlass sein, Kaufpreis, Tilgungsstruktur oder weitere Sicherungsmechanismen neu zu bewerten.
Quellen
- KfW ERP-Gründerkredit StartGeld (067) (2025-12-01)
- KfW ERP-Förderkredit Gründung und Nachfolge (077) (2025-12-01)
- Verband Deutscher Bürgschaftsbanken (VDB) FAQ (2025-01-01)
- aws Garantie FAQ (Österreich) (2025-01-01)
- Schweizer Bürgschaftsgenossenschaften (2025-01-01)
- Finance ThinkTank: Akquisitionsfinanzierung KMU (2025-03-01)
- Deutsche Bundesbank – Einlagen- und Kreditzinssätze (MFI-Zinsstatistik) (2026-05-01)
- KfW-Mittelstandspanel (2025-09-01)