Einleitung
Wer ein Unternehmen kaufen möchte, steht häufig vor der Frage: Sollen bestehende Anlagen – Aktienportfolio, Immobilien, ETFs oder andere Investments – aufgelöst werden, um das nötige Eigenkapital aufzubringen? Die Antwort ist komplex und hängt von der erwarteten Rendite, der Risikostruktur, der steuerlichen Situation und den persönlichen Umständen ab.
1. Renditeerwartungen im Vergleich
Rendite bestehender Anlagen vs. Unternehmenskauf
| Anlageform | Erwartete Rendite p.a. | Risiko | Liquidität |
|---|---|---|---|
| ETF-Portfolio (global) | 7–9 % [4] | Mittel | Hoch |
| Einzelaktien (Blue Chips) | 6–12 % | Mittel–Hoch | Hoch |
| Immobilien (Mietobjekte) | 3–6 % | Niedrig–Mittel | Niedrig |
| Anleihen / Festgeld | 2–4 % | Niedrig | Mittel |
| KMU-Kauf (operativ geführt) | 15–30 % | Hoch | Sehr niedrig |
| KMU-Kauf (passiv/mit Management) | 10–20 % | Hoch | Sehr niedrig |
Die Werte in dieser Tabelle basieren auf Branchenschätzungen, Praxiserfahrungswerten und marktüblichen Angaben.
Entscheidungsformel
Eine Liquidation kann wirtschaftlich eher vertretbar erscheinen, wenn:
Erwartete Rendite Unternehmenskauf – Risikoprämie >
Aktuelle Portfoliorendite + Steuerkosten der Liquidation + Diversifikationsverlust
2. Steuerliche Konsequenzen der Liquidation [3] [5]
Deutschland
| Anlageform | Steuer auf Veräußerungsgewinn | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Aktien/ETFs | 25 % Abgeltungsteuer + Soli [1] | Sparerpauschbetrag: 1.000 € (ledig) [2] |
| Immobilien (privat, > 10 Jahre Haltedauer) | Steuerfrei | Spekulationsfrist beachten |
| Immobilien (privat, < 10 Jahre) | Persönlicher Einkommensteuersatz | Bis zu 45 % + Soli |
| Fondsanteile | 25 % Abgeltungsteuer [1] | Teilfreistellung je nach Fondstyp |
Österreich
| Anlageform | Steuer auf Veräußerungsgewinn |
|---|---|
| Aktien/ETFs | 27,5 % KESt |
| Immobilien | 30 % Immobilienertragsteuer |
Schweiz
| Anlageform | Steuer auf Veräußerungsgewinn |
|---|---|
| Aktien/ETFs (Privatvermögen) | Grundsätzlich steuerfrei |
| Immobilien | Grundstückgewinnsteuer (kantonal verschieden) |
Rechenbeispiel: Steuerkosten der Liquidation (Kalkulationsbeispiel)
Szenario (Deutschland):
- ETF-Portfolio: 300.000 € (davon 120.000 € Gewinn)
- Aktien: 200.000 € (davon 80.000 € Gewinn)
Steuer ETF: (120.000 € – 1.000 € Pauschbetrag [2]) × 26,375 % [1] = 31.376 €
Steuer Aktien: 80.000 € × 26,375 % [1] = 21.100 €
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Gesamte Steuerbelastung: = 52.476 €
Netto verfügbar: 500.000 € – 52.476 € = 447.524 €
Ergebnis: Von 500.000 € Portfoliowert mit 200.000 € Gewinn gehen rund 52.500 € an Steuern verloren. Das entspricht 10,5 % des Gesamtwerts.
3. Entscheidungsrahmen: Wann liquidieren, wann nicht?
Für Liquidation spricht:
| Faktor | Erklärung |
|---|---|
| Hoher erwarteter ROI | Unternehmenskauf verspricht deutlich höhere Rendite als bestehendes Portfolio |
| Niedrige aufgelaufene Gewinne | Geringe Steuerbelastung bei Liquidation |
| Operative Kontrolle gewünscht | Eigenes Unternehmen statt passiver Anlagen |
| Keine Fremdfinanzierung möglich | Eigenkapital als einzige Option |
| Diversifiziertes Gesamtvermögen | Selbst nach Liquidation bleibt ausreichend Streuung |
Gegen Liquidation spricht:
| Faktor | Erklärung |
|---|---|
| Hohe aufgelaufene Gewinne | Erhebliche Steuerbelastung bei Verkauf |
| Portfolio als Altersvorsorge | Gefährdung der finanziellen Absicherung |
| Klumpenrisiko | Gesamtes Vermögen in einem Unternehmen konzentriert |
| Alternativfinanzierung möglich | Bankkredit oder Seller Financing als Alternative |
| Illiquide Anlagen | Immobilienverkauf unter Zeitdruck = Wertverlust |
Orientierungswert:
Bandbreiten wie 40–60 % des liquiden Gesamtvermögens können als grobe Orientierung dienen. Ob dieser Rahmen passt, hängt unter anderem von Einkommen, Risikobereitschaft, familiären Verpflichtungen und dem Kapitalbedarf des Zielunternehmens ab.
4. Alternative Strategien zur Vollliquidation
Teilweise Liquidation + Fremdfinanzierung
Statt das gesamte Portfolio aufzulösen, kann ein Mix aus Eigenkapital und Fremdfinanzierung die bessere Lösung sein.
Vergleich der Szenarien (Kalkulationsbeispiel):
| Szenario | Eigenkapital | Fremdkapital | Steuerkosten | Diversifikation | Risiko |
|---|---|---|---|---|---|
| A: Vollliquidation | 450.000 € | 0 € | 52.000 € | Keine | Hoch (Klumpen) |
| B: Teilliquidation | 200.000 € | 250.000 € | 23.000 € | Erhalten | Mittel |
| C: Lombardkredit + Teilliquidation | 100.000 € | 350.000 € | 11.000 € | Weitgehend erhalten | Mittel–Hoch |
Lombardkredit als Alternative
Wertpapierportfolios können als Sicherheit für einen Lombardkredit dienen:
- Beleihungswert: 50–70 % des Portfoliowerts
- Zinssatz: 3–5 % p.a. [6]
- Vorteil: Portfolio bleibt investiert, Steuern fallen nicht an
- Risiko: Margin Call bei Kursverlusten
Immobilien als Sicherheit
Statt Immobilien zu verkaufen, können sie als Kreditsicherheit dienen:
- Beleihungswert: 60–80 % des Verkehrswerts
- Vorteil: Mieteinnahmen bleiben erhalten
- Risiko: Zwangsversteigerung bei Zahlungsausfall
5. Praxisbeispiel: Entscheidung für Teilliquidation
Ausgangssituation:
Andrea, 48 Jahre, Marketing-Direktorin, möchte eine kleine Werbeagentur kaufen. Kaufpreis: 600.000 €.
Vermögenssituation:
- ETF-Portfolio: 400.000 € (Gewinn: 150.000 €)
- Vermietete Eigentumswohnung: 250.000 € (Restschuld: 80.000 €)
- Tagesgeld: 50.000 €
- Gesamtvermögen: ca. 620.000 € (netto)
Szenario A: Vollliquidation (Kalkulationsbeispiel)
ETF-Verkauf: 400.000 € – 39.000 € Steuern = 361.000 €
Tagesgeld: 50.000 €
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Verfügbar: 411.000 €
Fehlbetrag: 189.000 € (müsste über Seller Financing oder Kredit gedeckt werden)
Wohnungsvermietung: Bleibt erhalten
Szenario B: Teilliquidation + Mischfinanzierung (Kalkulationsbeispiel)
ETF-Teilverkauf (50 %): 200.000 € – 19.000 € Steuern = 181.000 €
Tagesgeld: 30.000 € (20.000 € als Reserve behalten)
Eigenkapital gesamt: 211.000 €
Bankkredit (Wohnung als Sicherheit): 250.000 €
Seller Financing: 139.000 €
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Gesamtfinanzierung: 600.000 €
Verbleibendes ETF-Portfolio: 200.000 €
Notreserve: 20.000 €
Andreas Entscheidung: Szenario B – die Teilliquidation bewahrt einen Teil der Diversifikation und der Altersvorsorge, während die Steuerbelastung halbiert wird.
Zusammenfassung und Einordnung
1. Eine vollständige Liquidation ist nicht automatisch die naheliegendste Lösung. In vielen Fällen lohnt sich zumindest die Prüfung von Mischfinanzierungen oder alternativen Sicherheiten.
2. Steuerkosten können die verfügbare Liquidität spürbar reduzieren. Die konkrete Belastung hängt jedoch von Land, Haltedauer, Anlageform und persönlicher Steuersituation ab.
3. Diversifikation bleibt ein zentraler Abwägungsfaktor. Bandbreiten wie 30–40 % außerhalb des Zielunternehmens sind nur grobe Orientierungswerte und keine allgemeingültige Regel.
4. Lombardkredite oder besicherte Finanzierungen können im Einzelfall Alternativen zum Verkauf sein. Sie bringen allerdings eigene Risiken wie Nachschusspflichten oder zusätzliche Zinslast mit sich.
5. Auch das Timing kann relevant sein. Unter Zeitdruck oder in schwachen Marktphasen kann eine Liquidation wirtschaftlich ungünstiger ausfallen.
6. Sinnvoll ist eine Gesamtvermögensbetrachtung statt eines reinen Portfolioblicks. Laufende Lebenshaltung, Reserven, Fremdkapitalspielraum und Integrationskosten sollten mitberücksichtigt werden.
Quellen
- Finanztip Abgeltungsteuer (2025-09-01)
- Sparkasse Abgeltungssteuer (2025-06-01)
- Steuern.de Kapitalerträge Besteuerung (2025-06-01)
- Deutsches Aktieninstitut – DAX-Rendite-Dreieck (2025-01-01)
- Gesetze im Internet – Einkommensteuergesetz (EStG) (2026-01-01)
- Deutsche Bundesbank – Einlagen- und Kreditzinssätze (MFI-Zinsstatistik) (2026-05-01)