Einleitung
Soll man lieber ein stabiles, profitables Unternehmen zu einem höheren Preis kaufen – oder ein angeschlagenes Unternehmen günstig erwerben und auf einen Turnaround setzen? Beide Strategien haben Berechtigung, aber sie richten sich an unterschiedliche Käuferprofile und Risikobereitschaften.
1. Vergleich: Profitable vs. angeschlagene Unternehmen
| Kriterium | Profitables Unternehmen | Angeschlagenes Unternehmen |
|---|---|---|
| Kaufpreis | 3–7x EBITDA [1] [5] | 0,5–2x EBITDA oder Substanzwert [6] |
| Risiko | Niedrig bis mittel | Hoch bis sehr hoch |
| Cashflow ab Tag 1 | Positiv | Oft negativ |
| Wertsteigerungspotenzial | 10–30 % p.a. | 50–200 % bei Turnaround [2] |
| Managementaufwand | Mittel | Sehr hoch |
| Finanzierbarkeit | Gut (Banken positiv) | Schwierig (meist Eigenkapital nötig) |
| Zeitaufwand | Regulärer Betrieb | 60–80 h/Woche im 1. Jahr |
| Erfolgsquote | 70–85 % | 40–60 % |
Die Werte in dieser Tabelle basieren auf Branchenschätzungen, Praxiserfahrungswerten und marktüblichen Angaben.
2. Wann welche Strategie?
Profitables Unternehmen kaufen, wenn:
- Sie einen sicheren Cashflow suchen
- Die Finanzierung überwiegend über Fremdkapital läuft
- Sie keine Turnaround-Erfahrung haben
- Sie parallel noch einer anderen Tätigkeit nachgehen
- Sie eine Work-Life-Balance beibehalten möchten
Angeschlagenes Unternehmen kaufen, wenn:
- Sie operative Erfahrung und Branchenkenntnisse haben
- Sie ausreichend Eigenkapital für den Turnaround mitbringen
- Sie einen klaren Plan für die Verlustursachen haben
- Sie bereit sind, 1–2 Jahre intensiv zu arbeiten
- Sie das höhere Risiko tragen können
3. Rechenbeispiel: Renditeerwartungen im Vergleich
Szenario A: Kauf eines profitablen Betriebs (Kalkulationsbeispiel)
Kaufpreis: 800.000 € (4x EBITDA von 200.000 €)
Eigenkapital: 200.000 €
Fremdkapital: 600.000 €
EBITDA Jahr 1: 200.000 €
EBITDA Jahr 3 (Wachstum): 240.000 €
Unternehmenswert Jahr 3: 960.000 € (4x EBITDA)
Restschuld Jahr 3: 420.000 €
Equity-Wert Jahr 3: 540.000 €
MOIC = 540.000 / 200.000 = 2,7x in 3 Jahren
IRR ≈ 39 % p.a.
Szenario B: Kauf eines angeschlagenen Betriebs (Kalkulationsbeispiel)
Kaufpreis: 200.000 € (Substanzwert)
Turnaround-Kapital: 150.000 €
Gesamtinvestition: 350.000 € (100 % Eigenkapital – Bank finanziert nicht)
EBITDA Jahr 1: -20.000 € (Verlust)
EBITDA Jahr 2: 100.000 € (Turnaround)
EBITDA Jahr 3: 200.000 € (Wachstum)
Unternehmenswert Jahr 3: 800.000 € (4x EBITDA)
MOIC = 800.000 / 350.000 = 2,3x in 3 Jahren
IRR ≈ 32 % p.a.
Risikoadjustierter Vergleich
| Kennzahl | Szenario A (profitabel) | Szenario B (angeschlagen) |
|---|---|---|
| MOIC | 2,7x | 2,3x |
| IRR | 39 % | 32 % |
| Cashflow Jahr 1 | Positiv | Negativ |
| Totalverlust-Wahrscheinlichkeit | 10–15 % | 30–40 % [4] |
| Risikoadjustierter Wert (Expected Value) | 2,7 × 0,85 = 2,3x | 2,3 × 0,65 = 1,5x |
Die Werte in dieser Tabelle basieren auf Branchenschätzungen, Praxiserfahrungswerten und marktüblichen Angaben.
Einordnung: Im Beispiel wirkt das profitable Unternehmen risikoadjustiert günstiger. Ein angeschlagenes Unternehmen kann dennoch attraktiv sein, wenn der Käufer operative Expertise, zusätzliche Reserven und einen belastbaren Turnaround-Plan mitbringt.
4. Hybride Strategien
Buy-and-Build: Profitable Basis + angeschlagene Add-ons
1. Profitables Kernunternehmen kaufen (stabile Cashflow-Basis)
2. Angeschlagene Wettbewerber als Add-ons günstig zukaufen
3. Synergien realisieren (Kostenreduktion, Cross-Selling)
4. Gesamtbewertung steigern (Multiple-Arbitrage) [3]
Vorteil: Das Risiko des Turnarounds wird durch den Cashflow des Kernunternehmens abgefedert.
5. Praxisbeispiel: Entscheidungsprozess
Ausgangssituation:
Daniela, 46, sucht ein Unternehmen im Bereich Gebäudereinigung. Sie hat zwei Optionen.
Option A: Etablierter Betrieb, 30 Mitarbeiter, EBITDA 150.000 €, Kaufpreis 525.000 € (3,5x EBITDA)
Option B: Angeschlagener Betrieb, 20 Mitarbeiter, EBITDA -30.000 €, Kaufpreis 120.000 € (Substanzwert)
Danielas Entscheidungskriterien (Kalkulationsbeispiel):
| Kriterium | Option A | Option B | Danielas Bewertung |
|---|---|---|---|
| Kaufpreis | 525.000 € | 120.000 € | B günstiger |
| Cashflow Jahr 1 | +150.000 € | -30.000 € | A sicherer |
| Zusatzkapitalbedarf | 50.000 € | 100.000 € | A günstiger |
| Managementaufwand | 40 h/Woche | 60 h/Woche | A weniger |
| Finanzierbarkeit | Bank: ja | Bank: nein | A machbar |
| Branchenerfahrung nötig | Hilfreich | Zwingend | Daniela: 12 Jahre Erfahrung |
| Wertsteigerung 3 Jahre | +20 % geschätzt | +200 % möglich | B höheres Potenzial |
Danielas Entscheidung: Option A. Für sie überwiegen trotz höherem Kaufpreis die bessere Finanzierbarkeit, das geringere Risiko und der sofort positive Cashflow.
Zusammenfassung und Einordnung
1. Für viele Erstkäufer wirkt ein profitables Unternehmen oft leichter handhabbar. Sofortiger Cashflow, einfachere Finanzierung und geringere operative Unsicherheit können dabei wichtige Gründe sein.
2. Turnaround-Investments verlangen meist mehr operative Erfahrung und Risikopuffer. Branchenkenntnis, Umsetzungsstärke und ausreichend Eigenkapital gewinnen dabei deutlich an Bedeutung.
3. Stabilität kann risikoadjustiert vorteilhaft sein. Höhere Renditechancen angeschlagener Unternehmen werden häufig durch eine höhere Ausfallwahrscheinlichkeit relativiert.
4. Buy-and-Build kann als hybride Strategie sinnvoll sein. Ein profitables Kernunternehmen mit ergänzenden Add-ons kann das Risikoprofil in manchen Fällen verbessern.
5. Eine ehrliche Selbsteinschätzung bleibt zentral. Verfügbare Zeit, operative Belastbarkeit und Reserve für schwache Phasen sollten vor der Entscheidung realistisch geprüft werden.
6. Der Kaufpreis sollte nicht isoliert betrachtet werden. Ein niedriger Einstiegspreis hilft wenig, wenn nach dem Kauf erheblicher zusätzlicher Kapitalbedarf entsteht.
Quellen
- DUB KMU Multiples (2025-06-01)
- Roland Berger – Turnaround: Warum Unternehmen jetzt den Neustart wagen müssen (2025-03-01)
- Dealsuite M&A Monitor 2025 (2025-08-01)
- Statistisches Bundesamt – Gewerbemeldungen und Insolvenzen (2026-03-01)
- Deutsche Bundesbank – Unternehmensabschlüsse / Verhältniszahlen aus Jahresabschlüssen (2025-06-01)
- Gesetze im Internet – Insolvenzordnung (InsO) (2026-01-01)