Warum viele Freelancer und Gründer ihre Preise zu niedrig ansetzen

„Mein Stundensatz deckt meine Kosten" – diesen Satz hört man häufig von Selbständigen, die ihre Preise auf Basis der offensichtlichen Ausgaben kalkulieren. Doch die tatsächlichen Kosten eines Unternehmens gehen weit über Miete, Software und Material hinaus. Wer versteckte Kosten ignoriert, unterschreitet systematisch seinen tatsächlichen Mindestpreis und arbeitet im schlimmsten Fall unter Wert oder sogar mit Verlust.


1. Die drei Kostenebenen

Ebene 1: Offensichtliche Kosten

Das sind die Kosten, die jeder kennt und einplant:

  • Material und Wareneinsatz
  • Software-Lizenzen und Tools
  • Büromiete oder Coworking
  • Steuerberater
  • Versicherungen

Ebene 2: Regelmäßig vergessene Kosten

Diese Kosten fallen regelmäßig an, werden aber oft nicht in die Preiskalkulation einbezogen:

KostenpositionTypischer BetragWarum oft vergessen
Eigene Krankenversicherung800–950 €/MonatWird als „privat" eingestuft
Altersvorsorge500–1.000 €/MonatWird aufgeschoben
Unbezahlter Urlaubca. 10–12 % des Jahresumsatzes (Kalkulationsbeispiel)Wird nicht als Kosten wahrgenommen
Krankheitstageca. 2–4 % des Jahresumsatzes„Passiert mir nicht"
Weiterbildung2.000–5.000 €/JahrWird als optional betrachtet
Akquisezeit15–25 % der ArbeitszeitWird nicht als Kosten gerechnet

Die Werte in dieser Tabelle basieren auf Branchenschätzungen, Praxiserfahrungswerten und marktüblichen Angaben.

Ebene 3: Strukturelle und versteckte Kosten

Diese Kosten sind am schwierigsten zu erfassen:

KostenpositionErklärung
Opportunitätskosten der eigenen ZeitJede Stunde Administration ist eine Stunde, die nicht fakturiert wird
Zahlungsausfälle1–3 % des Umsatzes gehen durch säumige oder insolvente Kunden verloren
Inflation der BetriebskostenSoftware-Preise, Mieten und Versicherungen steigen jährlich um 3–8 % [5]
GeräteabschreibungLaptop, Smartphone und Peripherie müssen in der Praxis häufig alle 3–4 Jahre ersetzt werden
Einarbeitungszeit bei neuen Tools/TechnologienNicht fakturierbar, aber notwendig
RechtskostenAGB-Prüfung, Vertragsstreitigkeiten, Abmahnungen

2. Die wahren Kosten einer Arbeitsstunde

Beispielrechnung für einen IT-Freelancer (Kalkulationsbeispiel):

PositionBerechnungBetrag/Jahr
Verfügbare Arbeitstage365 − 104 (Wochenenden) − 30 (Urlaub) − 10 (Feiertage) − 10 (Krankheit)211 Tage
Davon fakturierbar (ca. 70 %)211 × 0,70148 Tage
Fakturierbare Stunden (8 Std./Tag)148 × 81.184 Stunden
Gewünschtes Nettoeinkommen72.000 €
+ Einkommensteuer + Soli (geschätzt)40.000 €
+ Krankenversicherung10.800 €
+ Altersvorsorge9.600 €
+ Betriebskosten (Büro, Software, etc.)12.000 €
+ Rücklagen (10 % vom Umsatz)14.400 €
= Benötigter Jahresumsatz158.800 €
÷ Fakturierbare Stunden158.800 ÷ 1.184ca. 134 €/Std.

Ergebnis: Um 72.000 Euro netto zu erreichen, kann unter den genannten Annahmen ein Stundensatz von mindestens 134 Euro erforderlich sein – nicht 72.000 ÷ 2.080 (Vollzeit-Stunden) = 35 Euro, wie manche Gründer zu vereinfacht kalkulieren (Kalkulationsbeispiel).


3. Die fünf teuersten Kalkulationsfehler

1. Eigene Arbeitszeit nicht einpreisen: Besonders bei produktbasierten Geschäftsmodellen vergessen Gründer, ihre eigene Zeit als Kosten zu berücksichtigen.

2. Urlaub und Krankheit ignorieren: 30 Tage Urlaub + 10 Krankheitstage = 40 Tage ohne Einkommen. Das sind über 15 % des Jahres.

3. Akquisezeit nicht ausblenden: Wer 20 % seiner Zeit mit Akquise verbringt, hat nur 80 % fakturierbare Zeit. Der Stundensatz sollte diesen Effekt mit abbilden.

4. Steuerbelastung unterschätzen: Einkommensteuer, Gewerbesteuer und Umsatzsteuer-Vorauszahlungen können zusammen 35–50 % des Gewinns ausmachen [1].

5. Wachstumskosten vergessen: Wer wächst, braucht mehr Tools, eventuell Mitarbeiter, größere Räume – und diese Kosten fallen vor den zusätzlichen Einnahmen an.


4. Checkliste: Alle Kosten erfassen

Nutzen Sie diese Checkliste, um sicherzustellen, dass keine Kostenposition fehlt:

Direkte Kosten:

  • [ ] Material / Wareneinsatz
  • [ ] Subunternehmer / Freelancer
  • [ ] Projektspezifische Software/Lizenzen
  • [ ] Reise- und Bewirtungskosten

Fixe Betriebskosten:

  • [ ] Büromiete / Coworking
  • [ ] Software-Abonnements
  • [ ] Telekommunikation / Internet
  • [ ] Versicherungen (Haftpflicht, Rechtsschutz, etc.)
  • [ ] Steuerberater / Buchhaltung
  • [ ] Bankgebühren

Vorsorge und Absicherung:

  • [ ] Kranken- und Pflegeversicherung
  • [ ] Altersvorsorge
  • [ ] Berufsunfähigkeitsversicherung
  • [ ] Rücklagen für Auftragslücken

Versteckte Kosten:

  • [ ] Unbezahlter Urlaub (Opportunitätskosten)
  • [ ] Krankheitstage
  • [ ] Akquise- und Angebotszeit
  • [ ] Weiterbildung und Zertifizierungen
  • [ ] Geräteersatz und -abschreibung
  • [ ] Zahlungsausfälle
  • [ ] Inflationsausgleich

5. Praxisbeispiel: Die unterschätzte Kalkulation

Situation: Petra, UX-Designerin, kalkuliert ihren Tagessatz bei Gründung auf 600 Euro. Ihre Rechnung: „Ich möchte 50.000 Euro netto verdienen, arbeite 220 Tage im Jahr, also 50.000 ÷ 220 ≈ 230 Euro. Mit etwas Aufschlag für Kosten nehme ich 600 Euro."

Realität nach 12 Monaten:

  • Fakturierbare Tage: nur 145 (statt 220)
  • Umsatz: 87.000 € (statt erhoffter 132.000 €)
  • Betriebskosten: 18.000 €
  • Steuern und Vorsorge: 32.000 € (Kalkulationsbeispiel)
  • Nettoeinkommen: 37.000 € – 13.000 Euro unter dem Ziel

Korrektur: Petra erhöht ihren Tagessatz auf 850 Euro und plant mit 150 fakturierbaren Tagen. Neuer Zielumsatz: 127.500 Euro. Nach Abzug aller Kosten verbleiben ca. 55.000 Euro netto (Kalkulationsbeispiel).


Fazit und Einordnung

Die folgenden Punkte sind als allgemeine Orientierung und als Ansatz für eine vertiefte Prüfung zu verstehen:

1. Kalkulieren Sie mit fakturierbaren Tagen, nicht mit Arbeitstagen: 150–170 fakturierbare Tage pro Jahr sind realistisch [1][2][4], nicht 220.

2. Addieren Sie alle drei Kostenebenen: Offensichtliche Kosten, regelmäßig vergessene Kosten und strukturelle Kosten.

3. Nutzen Sie die Checkliste: Gehen Sie die Liste bei jeder Preiskalkulation durch.

4. Rechnen Sie rückwärts: Starten Sie beim gewünschten Nettoeinkommen und rechnen Sie alle Kosten oben drauf.

5. Aktualisieren Sie jährlich: Kosten steigen. Prüfen Sie mindestens einmal im Jahr, ob Ihre Preise noch kostendeckend sind.

Quellen

  1. Freelancer-Kompass 2025 (2025-09-01)
  2. GULP Stundensatzkalkulator (2025-06-01)
  3. KfW-Gründungsmonitor (2025-09-01)
  4. freelancermap – Freelancer-Kompass (2026-01-01)
  5. Statistisches Bundesamt – Dienstleistungen (Umsatz, Kostenstruktur, Rentabilität) (2025-11-01)

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Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Finanz-, Rechts-, Steuer-, Anlage- oder Transaktionsberatung dar. Die genannten Beispiele, Bewertungsmethoden, Schwellenwerte und Einschätzungen sind vereinfachte Orientierungswerte. Sie können eine einzelfallbezogene Prüfung durch qualifizierte Fachberater nicht ersetzen. Ob eine konkrete Entscheidung wirtschaftlich, rechtlich, steuerlich oder strategisch sinnvoll ist, hängt von den jeweiligen Umständen des Einzelfalls ab.