Preistransparenz verstehen und Angebote richtig bewerten
Ein Angebot für Webentwicklung kann von einer halbseitigen E-Mail bis zu einem 20-seitigen Dokument reichen. Beide Extreme sind problematisch. Dieses Artikel erklärt, welche Bestandteile ein professionelles Angebot haben sollte, wie Sie Positionen richtig interpretieren und woran Sie erkennen, ob etwas fehlt.
1. Die Pflichtbestandteile eines professionellen Angebots
| Bestandteil | Warum wichtig |
|---|---|
| Projektbeschreibung und Scope | Definiert, was geliefert wird |
| Aufwandsschätzung (Stunden/Tage) | Macht den Preis nachvollziehbar |
| Preis oder Preismodell | Festpreis, Stundensatz oder Hybrid |
| Zeitplan und Meilensteine | Setzt Erwartungen für Lieferzeitpunkte |
| Inkludierte Leistungen | Was im Preis enthalten ist |
| Ausschlüsse | Was nicht enthalten ist |
| Annahmen | Voraussetzungen für die Gültigkeit des Angebots |
| Zahlungsbedingungen | Wann und wie bezahlt wird |
| Gewährleistung | Was passiert bei Fehlern nach Abnahme (gesetzliche Mängelhaftung u. a. nach BGB) [3] |
| Gültigkeitsdauer | Wie lange das Angebot steht |
2. Typische Positionen und was dahinter steckt
„Konzeption und Planung" (5–10 % des Angebots)
Was Sie bekommen: Workshops, Anforderungsdokumentation, technisches Konzept, Architekturentwurf.
Was oft nicht drin ist: Erstellung von Inhalten, Beschaffung von Bildmaterial, SEO-Strategie.
„UX/UI Design" (10–18 % des Angebots)
Was Sie bekommen: Wireframes, Designentwürfe (meist für 2–3 Schlüsselseiten + Komponenten), Responsive-Varianten.
Was oft nicht drin ist: Stockfotos/Illustrationen, Animationen, umfangreiche Nutzertests, Design für jede einzelne Unterseite.
Typisch: 2–3 Korrekturschleifen inklusive.
„Frontend-Entwicklung" (20–30 % des Angebots)
Was Sie bekommen: Implementierung des Designs als funktionale Oberfläche, Responsive-Umsetzung, grundlegende Interaktivität.
Was oft nicht drin ist: Komplexe Animationen, Browser-Support für sehr alte Versionen, Offline-Funktionalität.
„Backend-Entwicklung" (20–35 % des Angebots)
Was Sie bekommen: Server-Logik, Datenbank, API, Authentifizierung, Admin-Funktionen.
Was oft nicht drin ist: Datenmigration, erweiterte Sicherheitsfeatures, Multi-Tenant-Fähigkeit, Skalierung.
„Testing und QA" (sofern aufgeführt, 8–15 %)
Was Sie bekommen: Funktionale Tests, Cross-Browser-Tests, Bug-Fixing.
Was oft nicht drin ist: Automatisierte Tests, Lasttests, Security-Audit, Accessibility-Tests.
„Deployment und Go-Live" (3–5 %)
Was Sie bekommen: Server-Einrichtung, Deployment, DNS-Konfiguration.
Was oft nicht drin ist: Monitoring-Setup, Backup-Konfiguration, CDN, SSL-Zertifikat-Management.
Alle Prozentangaben basieren auf Branchenschätzungen.
3. Was in den meisten Angeboten fehlt
| Fehlende Position | Warum sie fehlt | Was sie kostet |
|---|---|---|
| Datenmigration | Wird als Auftraggeber-Aufgabe betrachtet | 3.000–30.000 € |
| Content-Erstellung | Nicht Kernkompetenz der Agentur | 2.000–15.000 € |
| SEO-Optimierung | Wird als separates Projekt betrachtet | 2.000–8.000 € |
| Schulung | Oft nur „Einweisung" (1–2 Stunden) | 1.000–5.000 € für umfassende Schulung |
| Wartung und Support | Separater Vertrag nach Go-Live | 500–3.000 €/Monat |
| Hosting | Nicht im Projektpreis enthalten | 50–2.000 €/Monat |
| Drittanbieter-Lizenzen | Werden direkt vom Auftraggeber bezahlt | Variabel |
| Performance-Optimierung | Über Basis-Optimierung hinaus | 3.000–10.000 € |
Kostenangaben basieren auf Kalkulationsbeispielen und marktüblichen Angaben.
4. Angebote vergleichen: Worauf es ankommt
Die Vergleichsmatrix
| Kriterium | Angebot 1 | Angebot 2 | Angebot 3 |
|---|---|---|---|
| Preis | |||
| Angebotsumme | |||
| + Fehlende Positionen geschätzt | |||
| = Vergleichbare Gesamtkosten | |||
| Umfang | |||
| Konzeption inkludiert? | ✓/✗ | ✓/✗ | ✓/✗ |
| Design inkludiert? | ✓/✗ | ✓/✗ | ✓/✗ |
| Testing inkludiert? | ✓/✗ | ✓/✗ | ✓/✗ |
| PM inkludiert? | ✓/✗ | ✓/✗ | ✓/✗ |
| Support nach Go-Live? | ✓/✗ | ✓/✗ | ✓/✗ |
| Qualitätsindikatoren | |||
| Aufwand in Tagen/Stunden angegeben? | ✓/✗ | ✓/✗ | ✓/✗ |
| Annahmen dokumentiert? | ✓/✗ | ✓/✗ | ✓/✗ |
| Referenzprojekte benannt? | ✓/✗ | ✓/✗ | ✓/✗ |
| Gewährleistung definiert? | ✓/✗ | ✓/✗ | ✓/✗ |
5. Praxisbeispiel: Drei Angebote im Vergleich
Ein Unternehmen erhält drei Angebote für eine Unternehmenswebsite mit Blog und Kontaktformular.
Angebot A: 12.000 € (Freelancer)
- Design: WordPress-Theme-Anpassung
- Entwicklung: 15 Seiten, Kontaktformular, Blog
- Kein PM, kein Testing explizit, keine Konzeption
- „SEO-ready"
- 1 Korrekturschleife
Angebot B: 28.000 € (Kleine Agentur)
- Konzeption: 2 Workshop-Tage
- Design: Custom, 3 Entwürfe, 2 Korrekturschleifen
- Entwicklung: 15 Seiten, Blog, Kontaktformular, Newsletter-Anbindung
- Testing: Cross-Browser, Mobile
- PM: Wöchentliche Statusmeetings
- 3 Monate Gewährleistung
Angebot C: 45.000 € (Mittlere Agentur)
- Strategie-Workshop, Persona-Entwicklung
- Custom Design mit Prototyp
- Entwicklung: Alles aus B + Performance-Optimierung + Analytics-Setup
- Automatisierte Tests
- Security-Hardening
- 6 Monate Gewährleistung + 6 Monate Support-Paket
Vergleich nach Normalisierung:
| Position | Angebot A | Angebot B | Angebot C |
|---|---|---|---|
| Angebotsumme | 12.000 € | 28.000 € | 45.000 € |
| + Fehlende Konzeption | 3.000 € | Enthalten | Enthalten |
| + Fehlendes Testing | 2.000 € | Enthalten | Enthalten |
| + Fehlendes PM | 2.000 € | Enthalten | Enthalten |
| + Nacharbeit (geschätzt) | 3.000 € | 1.000 € | 500 € |
| Vergleichbar | 22.000 € | 29.000 € | 45.500 € |
Kalkulationsbeispiel mit vereinfachten Annahmen.
Angebot A ist nach Normalisierung nur 24 % günstiger als B – nicht 57 % wie es zunächst scheint. Angebot C enthält deutlich mehr Leistung und kann für Unternehmen mit höheren Ansprüchen die passendere Wahl sein.
Fazit und Einordnung
1. Die Vollständigkeit eines Angebots sollte systematisch geprüft werden: Eine Checkliste verbessert die Vergleichbarkeit.
2. Angebote sollten vor dem Vergleich normalisiert werden: Fehlende Leistungen verzerren sonst die Zahlenbasis.
3. Annahmen und Ausschlüsse verdienen besondere Aufmerksamkeit: Nicht ausdrücklich genannte Leistungen sind häufig nicht enthalten.
4. Der Aufwand ist oft aussagekräftiger als der reine Preis: Stunden, Leistungsumfang und Annahmen geben ein differenzierteres Bild.
5. Der Umgang mit Änderungen sollte früh geklärt werden: Change-Request-Regeln beeinflussen Budget und Risiko erheblich.
Quellen
- GULP Stundensatzkalkulator (2025-06-01)
- Freelancer-Kompass 2025 (2025-09-01)
- Gesetze im Internet – Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) (2026-01-01)