Die zentrale Frage: Einstellen oder beauftragen?

Wenn ein Unternehmen zusätzliche Kapazität benötigt, stehen zwei grundsätzliche Wege offen: einen Mitarbeiter fest einstellen oder einen Freelancer bzw. Dienstleister beauftragen. Die Entscheidung wird in der Praxis oft aus dem Bauch heraus getroffen – oder rein nach dem sichtbaren Stundensatz. Beides führt regelmäßig zu Fehlentscheidungen.

Der Stundensatz eines Freelancers wirkt auf den ersten Blick teurer als das umgerechnete Gehalt eines Festangestellten. Doch dieser Vergleich greift zu kurz. Um eine fundierte Entscheidung zu treffen, müssen die vollständigen Kosten beider Modelle gegenübergestellt werden – inklusive aller versteckten Positionen, die beim Festangestellten anfallen, und aller Leistungen, die beim Freelancer im Stundensatz enthalten sind.

Die wahren Kosten einer Festanstellung

Berechnung des internen Stundensatzes

Um die Kosten einer Festanstellung mit einem Freelancer-Honorar vergleichen zu können, sollte der interne Stundensatz ermittelt werden. Dieser ergibt sich aus den Gesamtkosten geteilt durch die tatsächlich produktiven Stunden.

Schritt 1: Gesamtkosten ermitteln (Kalkulationsbeispiel)

Beispiel: Softwareentwickler, 60.000 Euro Bruttojahresgehalt

KostenpositionJährlich
Bruttogehalt60.000 €
AG-Anteile SV (20,45 %)12.270 € [6]
Umlagen + BG (ca. 3 %)1.800 €
Büromiete (anteilig)4.800 €
IT-Ausstattung (abgeschrieben)1.200 €
Software-Lizenzen3.000 €
Weiterbildung2.500 €
Lohnbuchhaltung, Arbeitsschutz600 €
BAV + Benefits1.500 €
Gesamtkosten p.a.87.670 €

Schritt 2: Produktive Stunden berechnen (Kalkulationsbeispiel)

PositionTage
Kalendertage365
Wochenenden-104
Feiertage-10
Urlaubstage-28
Krankheitstage (Ø)-15
Weiterbildungstage-5
Arbeitstage netto203
davon produktiv (ca. 80 %)162

Die 80-Prozent-Quote berücksichtigt Meetings, Verwaltungstätigkeiten, Rüstzeiten und sonstige unproduktive Zeit (Praxiserfahrungswert).

Produktive Stunden = 162 Tage x 8 Stunden = 1.296 Stunden (Kalkulationsbeispiel)

Schritt 3: Internen Stundensatz berechnen

Interner Stundensatz = 87.670 € / 1.296 Stunden = 67,65 € / Stunde (Kalkulationsbeispiel)

Ein Festangestellter mit 60.000 Euro Bruttojahresgehalt kostet das Unternehmen also effektiv rund 68 Euro pro produktiver Stunde.

Die wahren Kosten eines Freelancers

Was im Freelancer-Stundensatz enthalten ist

Ein professioneller Freelancer kalkuliert seinen Stundensatz so, dass er alle Kosten deckt, die bei einem Festangestellten der Arbeitgeber trägt:

KostenpositionVom Freelancer selbst getragen
KrankenversicherungVollständig (ca. 800–900 €/Monat für GKV freiwillig)
RentenvorsorgeEigenverantwortlich
ArbeitslosenabsicherungEigenverantwortlich
BerufsunfähigkeitsversicherungEigenverantwortlich
BerufshaftpflichtEigenverantwortlich (100–500 €/Jahr)
Büro / ArbeitsplatzEigenverantwortlich
IT-AusstattungEigenverantwortlich
Software-LizenzenEigenverantwortlich
WeiterbildungEigenverantwortlich
Urlaub (nicht vergütet)Einkommensverlust
Krankheit (nicht vergütet)Einkommensverlust
Akquise und VerwaltungEigenverantwortlich

Die Werte in dieser Tabelle basieren auf Branchenschätzungen, Praxiserfahrungswerten und marktüblichen Angaben.

Marktübliche Freelancer-Stundensätze im DACH-Raum

Die Stundensätze variieren stark nach Qualifikation, Branche und Region [5]:

BerufsfeldJunior (0–3 J.)Mid-Level (3–7 J.)Senior (7+ J.)
Softwareentwicklung60–80 €80–110 €100–150 €
IT-Beratung / Architektur70–90 €90–120 €120–180 €
Grafikdesign / UX50–70 €70–100 €90–130 €
Marketing / Content50–70 €70–100 €90–140 €
Unternehmensberatung80–120 €120–180 €150–250 €
Buchhaltung / Controlling50–70 €70–95 €85–120 €

Die Werte in dieser Tabelle basieren auf Branchenschätzungen, Praxiserfahrungswerten und marktüblichen Angaben.

In der Schweiz liegen die Sätze typischerweise 40–80 Prozent höher, in Österreich auf einem ähnlichen Niveau wie in Deutschland (Branchenschätzung).

Der direkte Kostenvergleich

Szenario: Softwareentwickler, Vollzeit-Äquivalent

Vergleich über ein Jahr bei Vollzeitbedarf (Kalkulationsbeispiel):

Variante A: Festanstellung

PositionBetrag
Bruttogehalt60.000 €
AG-Anteile + Nebenkosten27.670 €
Rekrutierungskosten (einmalig, auf 3 Jahre verteilt)3.000 €
Jährliche Kosten90.670 €

Variante B: Freelancer (Stundensatz 95 € / Stunde)

PositionBetrag
Produktive Stunden (ca. 1.600 h, Freelancer hat höhere Verfügbarkeit)1.600 h
Stundensatz95 €
Jährliche Kosten152.000 €

Variante C: Freelancer (Stundensatz 95 €, aber nur 50 % Auslastung / 800 h)

PositionBetrag
Produktive Stunden800 h
Stundensatz95 €
Jährliche Kosten76.000 €

Erkenntnisse aus dem Vergleich

1. Bei Vollzeitbedarf über das gesamte Jahr ist der Festangestellte deutlich günstiger als der Freelancer (90.670 € vs. 152.000 €).

2. Bei Teilzeitbedarf oder projektbezogenem Einsatz kann der Freelancer günstiger sein, weil nur die tatsächlich geleisteten Stunden bezahlt werden.

3. Die Break-Even-Auslastung lässt sich berechnen:

Break-Even = Gesamtkosten Festanstellung / Freelancer-Stundensatz

Break-Even = 90.670 € / 95 € = 954 Stunden (Kalkulationsbeispiel)

Ab rund 955 Stunden pro Jahr (ca. 60 % einer Vollzeitstelle) wird die Festanstellung günstiger als der Freelancer mit 95 Euro Stundensatz.

Break-Even-Tabelle nach Stundensätzen (Kalkulationsbeispiel)

Freelancer-StundensatzBreak-Even (Stunden/Jahr)In % Vollzeit
70 €1.295 h81 %
80 €1.133 h71 %
90 €1.007 h63 %
100 €907 h57 %
120 €756 h47 %
150 €604 h38 %

Die Tabelle zeigt: Je höher der Freelancer-Stundensatz, desto früher wird die Festanstellung wirtschaftlich vorteilhaft.

Nicht-monetäre Faktoren: Die Entscheidungsmatrix

Kosten sind nicht der einzige Entscheidungsfaktor. Die folgende Matrix bewertet beide Modelle nach weiteren relevanten Kriterien:

KriteriumFestanstellungFreelancer
VerfügbarkeitVertraglich planbarerAbhängig von Auslastung
Flexibilität (hoch/runter)Gering (Kündigungsschutz)Hoch (Vertrag kündbar)
Wissensaufbau im UnternehmenHoch (Know-how bleibt)Gering (Know-how geht mit)
EinarbeitungsaufwandEinmalig hoch, dann geringBei jedem Projekt erneut
Führung und SteuerungWeisungsgebundenErgebnisorientiert
QualitätskontrolleDirekt möglichÜber Vertrag und Abnahme
SkalierbarkeitLangsam (Recruiting)Schnell (Markt)
Risiko ScheinselbständigkeitKein RisikoErhebliches Risiko
Sozialrechtliches RisikoGeringHoch bei Dauerauftrag
Kulturelle IntegrationVoll gegebenEingeschränkt
Bindung an UnternehmenHoch (Loyalität)Gering (marktgetrieben)

Das Risiko Scheinselbständigkeit

Ein kritischer Faktor beim Einsatz von Freelancern in Deutschland ist das Risiko der Scheinselbständigkeit. Wird ein Freelancer faktisch wie ein Arbeitnehmer eingesetzt, drohen erhebliche Nachzahlungen.

Kriterien für Scheinselbständigkeit

Die Deutsche Rentenversicherung prüft unter anderem [7]:

  • Weisungsgebundenheit bezüglich Ort, Zeit und Art der Tätigkeit
  • Eingliederung in die betriebliche Organisation
  • Nutzung betrieblicher Arbeitsmittel
  • Fehlen eigener unternehmerischer Initiative
  • Tätigkeit ausschließlich oder überwiegend für einen Auftraggeber
  • Keine eigenen Mitarbeiter

Finanzielle Konsequenzen bei Scheinselbständigkeit (Kalkulationsbeispiel)

Wird Scheinselbständigkeit festgestellt, können für den Auftraggeber rückwirkend (bis zu 4 Jahre, bei Vorsatz bis zu 30 Jahre) unter anderem folgende Folgen relevant werden:

NachzahlungBerechnung
AG-Anteile SV (rückwirkend)Ca. 20 % auf das gesamte gezahlte Honorar
AN-Anteile SV (falls nicht vom Freelancer einzufordern)Ca. 20 % zusätzlich
Lohnsteuer (pauschal)Je nach Steuerklasse
Säumniszuschläge1 % pro Monat auf rückständige Beiträge

Bei einem Freelancer mit 100.000 Euro Jahreshonorar über 3 Jahre:

PositionBetrag
Nachzahlung AG-SV (3 Jahre x 100.000 € x 20 %)60.000 €
Nachzahlung AN-SV (3 Jahre x 100.000 € x 20 %)60.000 €
Säumniszuschläge (geschätzt)15.000 €
Gesamtrisikobis zu 135.000 € (Kalkulationsbeispiel)

Risikominimierung

  • Statusfeststellungsverfahren bei der DRV prüfen oder beantragen (gerade vor Vertragsbeginn oft sinnvoll)
  • Vertrag klar als Werk- oder Dienstvertrag gestalten (keine arbeitsvertragstypischen Klauseln)
  • Freelancer arbeitet für mehrere Auftraggeber (dokumentieren)
  • Keine Eingliederung in betriebliche Abläufe (eigene Arbeitszeiten, eigener Arbeitsplatz)
  • Keine Weisungen bezüglich der Durchführung (nur Ergebnisvorgaben)

Praxisbeispiel: Entscheidungsfindung bei einem E-Commerce-Unternehmen

Ein E-Commerce-Unternehmen in Berlin mit 40 Mitarbeitern plant, seine Online-Plattform weiterzuentwickeln. Der CTO schätzt den Bedarf auf 2.000 Entwicklerstunden pro Jahr in einem spezialisierten Technologiebereich (Kalkulationsbeispiel).

Option A: Zwei Festangestellte einstellen

PositionBetrag p.a.
2 x 65.000 € Bruttogehalt130.000 €
2 x AG-Anteile + Nebenkosten55.000 €
2 x Rekrutierung (Headhunter, 20 %)26.000 € (einmalig)
2 x Arbeitsplatz + IT22.000 €
2 x Einarbeitung (Produktivitätsverlust)29.250 € (einmalig)
Kosten Jahr 1262.250 €
Kosten ab Jahr 2207.000 €

Produktive Stunden (2 Entwickler): ca. 2.600 h/Jahr

Effektiver Stundensatz ab Jahr 2: 79,60 € (Kalkulationsbeispiel)

Option B: Freelancer-Team (2 Freelancer, 110 € Stundensatz)

PositionBetrag p.a.
2.000 Stunden x 110 €220.000 €
Koordinationsaufwand intern (ca. 200 h x 70 €)14.000 €
Kosten pro Jahr234.000 €

Effektiver Stundensatz: 117 € (inkl. Koordinationsaufwand) (Kalkulationsbeispiel)

Option C: Hybridmodell (1 Festangestellter + 1 Freelancer)

PositionBetrag p.a.
1 Festangestellter (Gesamtkosten)103.500 €
1 Freelancer (700 h x 110 €)77.000 €
Rekrutierung (einmalig)13.000 €
Einarbeitung (einmalig)14.625 €
Kosten Jahr 1208.125 €
Kosten ab Jahr 2180.500 €

Vergleich:

KennzahlOption AOption BOption C
Kosten Jahr 1262.250 €234.000 €208.125 €
Kosten ab Jahr 2207.000 €234.000 €180.500 €
Kosten über 3 Jahre676.250 €702.000 €569.125 €
Wissensaufbau internHochGeringMittel
FlexibilitätGeringHochMittel
ScheinselbständigkeitsrisikoKeinHoch (Dauerauftrag)Gering (klar abgegrenzt)

Einordnung des Unternehmens: Option C – das Hybridmodell. Der Festangestellte baut internes Wissen auf und steuert die Architektur. Der Freelancer wird für spezifische Arbeitspakete mit klar definierten Liefergegenständen eingesetzt. In dieser Modellrechnung ist dieses Modell über 3 Jahre am günstigsten, unterstützt den Wissensaufbau und reduziert das Scheinselbständigkeitsrisiko.

Fazit und Einordnung

1. Berechnen Sie den internen Stundensatz Ihrer Festangestellten. Nur so können Sie einen fairen Vergleich mit Freelancer-Stundensätzen anstellen. Der interne Stundensatz ist typischerweise 1,5- bis 2-mal so hoch wie der rechnerische Bruttostundenlohn.

2. Nutzen Sie die Break-Even-Formel. Ermitteln Sie, ab welcher Auslastung die Festanstellung günstiger wird als der Freelancer. Unterhalb des Break-Even kann ein Freelancer wirtschaftlich näherliegen, oberhalb davon eher eine Festanstellung.

3. Berücksichtigen Sie nicht-monetäre Faktoren. Wissensaufbau, Verfügbarkeit, Flexibilität und kulturelle Integration sind oft entscheidender als der reine Kostenvergleich.

4. Prüfen Sie das Scheinselbständigkeitsrisiko vor jedem Freelancer-Einsatz. Werk- oder Dienstverträge, klare Abgrenzung zur Eingliederung und gegebenenfalls ein Statusfeststellungsverfahren können hier hilfreich sein.

5. Erwägen Sie Hybridmodelle. Die Kombination aus Festanstellung und Freelancer kann in vielen Fällen ein gutes Verhältnis aus Kosten, Wissensaufbau und Flexibilität bieten.

6. Kalkulieren Sie langfristig. Im ersten Jahr ist der Freelancer häufig günstiger (keine Rekrutierungs- und Einarbeitungskosten). Über 2–3 Jahre kann sich das Verhältnis bei dauerhaftem Vollzeitbedarf umkehren.

Quellen

  1. Destatis – Arbeitskosten 2024 (2025-04-01)
  2. Destatis – Lohnnebenkosten (2025-06-01)
  3. Freelancer-Kompass 2025 (2025-09-01)
  4. Stepstone Gehaltsreport (2025-12-01)
  5. freelancermap – Freelancer-Kompass (2026-01-01)
  6. Statistisches Bundesamt – Arbeits- und Lohnnebenkosten (2026-04-01)
  7. Deutsche Rentenversicherung – Das Statusfeststellungsverfahren (2025-01-01)

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